Wie gerne wäre ich ein bisschen größer

November 27, 2015

Ich bin so winzig. Ich fühle mich so winzig und denke, dass es vielen von euch genauso geht.
Wie gerne wäre ich ein bisschen größer. Wie gerne würde ich mich ein bisschen größer fühlen, um ohne zittrige Hände und schweißnasser Stirn vor einem Publikum zu reden. Wie gerne würde ich mich ein bisschen größer fühlen, um dem großen Mann, der einen Platz vor mir sitzt, zu sagen, dass ich nichts sehen kann. Wie gerne wäre ich ein bisschen größer.

Manchmal frage ich mich wirklich, wie ich nur so klein geraten konnte. Eigentlich hatte man mich doch recht gut aufgezogen. Mit Liebe, Leidenschaft und Leben vollgepumpt.
Mein Kopf voller als eine Bibliothek. Mehr Zeilen auf der Zunge, als ein Roman Worte hat und ganz nebenbei mein Gehirn, das weitaus mehr Worte zu kennen vermag, als der Duden aufweist. Mein Bauch, größer als der Magen eines Elefanten, mittlerweile mit dem Inhalt eines Supermarktes ausgestattet.
Trotzdem scheint mein Kopf nicht größer als eine Melone zu sein, meine Zunge nichtmal an die Nasenspitze zu reichen und mein Gehirn doch nur der Größe einer Faust zu ähneln.
Trotz allem bin ich nur 1,60 m groß, trage Schuhgröße 38 und Kleidergröße 36.
Wie konnte ich nur so winzig werden?

Als ich das zehnte Mal mit einem genervten Seufzer auf die Uhr schaue, sind bereits weitere dreiundzwanzig Minuten vergangen. Seit fünfundneunzig Minuten befinde ich mich auf dem Weihnachtsmarkt. Hergetrieben von einem herrlichen Zimtduft, einem unwiderstehlichen Duft von gebrannten Mandeln und dem unverkennbaren Geruch vom warmen Bratapfel. Gerüche die sich schlagartig mit dem Gedanken an heißen Glühwein und Punsch und einem knurrendem Magen, der nach Crêpe schrie, gepaart hatten.
Seit vierundvierzig Minuten stehe ich bereits vor dem Weihnachtsmarktbude, an dem zwei mollige Damen mit Zipfelmütze und weißem Bart Crêpe verkaufen. Zumindest versuchen ihn zu verkaufen. Denn alles was ich höre sind quengelnde Kinder, genervte Eltern und hungrige Mäuler, denen es nicht schnell genug geht. Irgendwo dazwischen stehe ich seit vierundvierzig, inzwischen fünfundvierzig, Minuten vor der Bude und schreie nach einem Crêpe.
Anfangs wollte ich noch einen Crêpe Nutella und Bananen. Nach fünfzehn Minuten bin ich bereits auf einen Crêpe mit Nutella umgestiegen, weil es mir zu anstrengend wurde jedes Mal „und Banane“ irgendwo in die Menge hineinzurufen, in der Hoffnung, dass es bei den zwei Verkäuferinnen in Zipfelmütze ankommen würde. Nach fünfundvierzig Minuten will ich einfach nur noch einen Crêpe. Ich schreie einfach nur noch „ Crêpe“ in die Menschenmasse hinein, in der Hoffnung dieses Mal gehört zu werden. Ein Mann, ein großer Mann, mittleren Alters, drängelt sich neben mich. „Einen Crêpe mit Nutella und Bananen, bitte“, sagt er freundlich und hebt den rechten Zeigefinger in die Höh. „Kommt sofort“, höre ich eine der beiden Verkäuferin antworten. Es vergehen keine zwei Minuten und er empfängt, stolz wie Oskar, seinen Crêpe mit Nutella und Bananen. Ich gucke ungläubig zu ihm hoch. Er grinst mich schelmisch an und dreht sich um.
Dasselbe Spielchen erlebe ich drei Buden weiter. Ich habe mich spontan für einen Bratapfel entschieden. Ich drängele mich unter die Menschenmenge. Boxe mich, mit den Ellenbogen nach links und rechts rudernd, durch die Schlange, die längst keine Schlange mehr ist. Ich schaffe es tatsächlich so weit nach vorne, dass ich der Verkäuferin, einer jungen Dame in rot weißem Weihnachtskostüm, in die Augen schauen kann. Dasselbe Spielchen. Um mich herum quengelnde Kinder, genervte Eltern und hungrige Mäuler, denen es nicht schnell genug geht. Dasselbe Spielchen. Dieses Mal aber in einer anderen Rolle. Ich versuche es wie der große Mann von eben, hebe den rechten Zeigefinger und sage freundlich „Einen Bratapfel, bitte“. Keine Reaktion. Ich versuche es noch einmal. Ein drittes Mal. Ein viertes Mal. „Wenn du einen Bratapfel willst, musst du schon lauter schreien“, raucht mir ein älterer Herr mit Hut und Zigarre in das rechte Ohr. Er ist zwei Köpfe größer als ich. Dann schreit er „zwei Bratäpfel“. Wenige Sekunden später, hält er mir die zwei Bratäpfel mit einem „So einfach geht das“ unter die Nase. Ich sehe ihn entsetzt an, drehe mich um und schleife nachhause.
Wie gerne wäre ich ein bisschen größer, um einfach nur gehört zu werden.
Während ich nachhause schleife, kicke ich einen Stein zwischen meinen Füßen hin und her und schwöre mir nie wieder nach oben zu sehen, damit ich nicht merke, wie klein ich bin.
Im Lichtkegel der Straßenlaterne sehe ich eine schwarze Katze vorbei flitzen. Ich glaube nicht an Freitag den dreizehnten und glaube nicht an vierblättrige Kleeblätter. Aber ich glaube an schwarze Katzen. Deshalb beschleunige ich mein Tempo. Ich fange an zu rennen. Ich werde immer schneller und schneller. Ich wusste gar nicht, dass ich so schnell rennen kann und frage mich, warum ich bei den Bundesjugendspielen in der Schule immer ohne Medaille, mit Seitenstichen, Blasen an den Füßen und einem knallroten Kopf, nachhause kam. Ich renne noch ein bisschen schneller. Plötzlich komme ich mir vor wie in einem schrecklichen Albtraum, in dem man rennt und rennt; die Lunge droht schon zu bersten, aber man kommt einfach nicht schnell genug voran.
Ich weiß nicht wie weit ich schon gerannt bin und ob die schwarze Katze mir folgt, aber die Luft schnürt mir den Hals zu, mein Herz pocht, das Blut pulsiert in meinen Adern und jeder Knochen meines Körpers schmerzt. Keuchend renne ich weiter. Meine Füße tragen mich durch Pfützen, klitschige Gullydeckel und über nasse Straßen. Ich stolpere über irgendetwas auf dem kalten Boden. Falle auf den nasskalten Asphalt. Zwei Autos fahren an mir vorbei. Auf der gegenüberliegenden Straße torkeln drei alkoholisierte Typen vorbei. Gefolgt von einem jungen Pärchen. Ein großer Lastwagen fährt an mir vorbei und versperrt mir die Sicht. Im Licht der Scheinwerfer erkenne ich, dass ich mir das Knie aufgeschürft habe. Meine Jeans verfärbt sich in einem dunklen Rot. Ich liege noch immer auf dem nasskalten Boden als vier weitere Passanten an mir vorüberziehen, als hätten sie mich nicht gesehen.
Ich spähe eine ganze Zeit in das tiefschwarze Himmelszelt, das über mir liegt. Ich frage mich, wann ich das letzte Mal in den Himmel geschaut habe und stelle fest, dass es das erste Mal ist. Das erste Mal seitdem ich mir geschworen habe nie wieder nach oben zu sehen. Und das war vor einer halben Stunde. „Ich bin ja solch ein Held.“
Mit dem Wind im Haar sitze ich auf dem nasskalten Asphalt und denke über den Himmel nach. Über den Himmel, der jetzt über mir steht. Als ich genauer hinsehe, kann ich einen Stern erkennen. In der Ferne meine ich sogar eine Sternschnuppe erhaschen zu können. Ich blinzele mit den Augen und sehe den großen Mond. Der große Mond. Er lacht sogar. Ich kann sein Lächeln erkennen und erwidere es mit einem ausdruckslosen Gesicht. Bevor ich mich wieder von ihm abwende, scheint es, als würde er sein Lächeln verdoppeln, verdreifachen, vervielfachen.
Wie gerne wäre ich ein bisschen größer, um einfach nur gesehen zu werden.
Während ich meinen ausgehungerten und kalten Körper nachhause schleife, schwöre mir ein zweites Mal nie wieder nach oben zu sehen, damit ich nicht merke, wie klein ich bin.
Tatsächlich schaffe ich es meinen schweren Körper nachhause zu tragen ohne noch einen Sprint in Angriff zu nehmen, um vor einer schwarzen Katze zu flüchten, oder um einfach nur eine neue Bestzeit herauszuholen.
Ich höre ich wie mich Philipp Poisel mit einer warmen, vertrauten Stimme durch das Radio fragt: „Wie sieht der Himmel aus, der jetzt über dir steht?“
Ich halte Inne und lasse meine Hand, mit der soeben noch das Fenster schließen wollte, auf dem Fensterbrett ruhen. Eben habe ich mir noch geschworen nicht mehr nach oben zu schauen. Eigentlich möchte ich auch gar nicht mehr nach oben schauen. Das tut mir immer weh. Dann stelle ich immer wieder fest, dass ich klein bin. Und fühle mich so winzig.
Trotzdem tue ich es. Reflexartig und eigentlich ungewollt werfe ich einen Blick in die Dunkelheit. „Dunkel ist er. Fast schwarz.“, antworte ich Philipp Poisel. Doch zehn Sekunden später höre ich wie er mich ein zweites Mal fragt „Wie sieht der Himmel aus der jetzt über dir steht?“. Hat er mir nicht zugehört? Hat er mich nicht verstanden oder wollte er mich ganz einfach nicht verstehen? Ich möchte doch eigentlich gar nicht mehr nach oben schauen.
Und ich kann es nicht ausstehen, wenn Menschen mich etwas fragen, aber dann doch nicht hinhören, wenn man ihnen antwortet.
Reflexartig und eigentlich ungewollt sehe mir den Himmel ein zweites Mal, dieses mal aber etwas genauer, an. Er ist immer noch dunkel. Immer noch fast schwarz.
Als will er mich tatsächlich ärgern fragt er ein drittes Mal „Wie sieht der Himmel aus, der jetzt über dir steht?“. „Dunkel. Verdammt nochmal dunkel ist er.“, brülle ich ihn fast schon an. Als spreche ich eine andere Sprache fragt er ein viertes, fünftes, ja sogar ein sechstes Mal immer wieder ein und dieselbe Frage. Und ich gebe jedes Mal ein und dieselbe Antwort. Beim siebten Mal explodiere ich fast vor Wut und schreie „Pechschwarz“. Und dabei muss ich grinsen, weil Pechschwarz nicht nur eins zu eins zu dem Himmel passt, sondern auch zu meinem heutigen Tag.
Plötzlich nimmt seine Stimme an Lautstärke ab, wird immer leiser und schwächer, und klingt fast verängstigt. So, als hätte ich ihn erschreckt. In letzter Sekunde nimmt seine Stimme sogar noch einen Hauch von Verständnislosigkeit, einen winzigen Atemhauch von Enttäuschung an. Gerade als ich mich entschuldigen will, ihm sagen will, dass das alles nicht so gemeint war, ist das Lied zu Ende und der Radiomoderator ergreift das Wort.
Ich schalte das Radio aus. Dann wende ich mich wieder zum Fenster und lehne mich ein Stück hinaus. Die Luft fühlt sich wieder kälter an. Ohne Philipp ist es noch eisiger.
„Wie gerne wäre ich ein bisschen größer“, hauche ich in die Dunkelheit. Aus dem Flur höre ich zwei Füße über den Boden tänzeln. Das Getänzel nimmt vor meiner Zimmertür ab und ich höre ein zaghaftes Klopfen und dann eine Stimme die fragt „Kleines, was hast du gesagt?“.
Wie gerne wäre ich ein bisschen größer, um einfach nur verstanden zu werden.

22 Comments

  • Ostfrieslanduwe November 27, 2015 at 20:26

    Man (Frau) muss nicht Groß sein um Groß zu sein. 🙂

  • misstueftelchen November 27, 2015 at 21:19

    Als ich den Namen deiner Zeilen lass, fühlte ich mich gleich angesprochen. Den kleinen (scheinbar unerfüllbaren) Wunsch nach: „Wie gerne wäre ich ein bisschen größer“ habe ich auch häufiger im Kopf.

    Als ich über deine Erlebnisse an den WeihnachtsmarktVerköstigungsBuden lass, dachte ich mir:
    Wenn wieder einmal ein großer Mensch neben dir steht, sag ihm was du möchtest und der Mensch soll es dann einfach für dich mit rufen_bestellen… 😉

    lg.

    • Mona Kuehlewind November 27, 2015 at 21:24

      Das ist eine gute Idee, ich werde es beim nächsten Mal probieren, obwohl ich ja eigentlich nicht mehr „nach oben sehen möchte“ .. aber ich glaube ich werde deinen Rat befolgen!

      Liebe Grüße und danke für deine Nachricht 🙂

  • Mic November 27, 2015 at 21:59

    Was die Situationen auf dem Weihnachtsmarkt angeht, kann ich nur sagen, dass es weniger eine Frage der Größe, als mehr des Selbstbewusstseins ist, das man in diesem Moment an den Tag legt. Ich bin zwei Meter groß und oft geht es mir nicht anders als dir ;-).

    • Mona Kuehlewind November 27, 2015 at 22:04

      Das beruhigt mich! Denn an meiner Größe kann ich nichts mehr ändern, aber an meinem Selbstbewusstsein. DANKE DIR 🙂

  • bodyguard4you November 28, 2015 at 0:44

    also in meinen augen bist du ´ne gaaanz große …

  • Ben Froehlich November 28, 2015 at 8:27

    Ich komme bei Bestellungen immer sehr schnell dran und mach mir dann einen Spaß daraus, die Person hinter der Theke auf den Menschen neben mir hinzuweisen, der schon vor mir dort stand. Manchmal bestelle ich einfach für diesen Menschen mit und bezahle es. Es ist dann gar nicht schwer, wirklich groß zu sein, denn es fühlt sich so unheimlich gut an. Und an anderen Abenden, so wie gestern, da möchte ich nur klein sein. Ich war es auch, den ich kannte kein Maß und entleerte meinen Magen über dem Klo im Club eines Freundes. So gern wär ich ungesehen gewesen und da war es eine gute Freundin, die mich stützend nach Hause brachte, mir ins Bett half und mir noch liebe Worte hinterließ. Da war die Frau, für die ich gestern groß sein wollte, selbst diejenige, die groß war.

    • Mona Kuehlewind November 28, 2015 at 11:53

      Wie gern würde ich mal neben dir an einer Weihnachtsmarktbude stehen, dann hätte ich sicherlich gute Chancen auf meine Crepe mit Nutella und Bananen.
      Aber irgendwie eine schöne Geschichte .. Und eine sehr sehr liebe, junge Frau. Pass gut auf sie auf!

      • Ben Froehlich November 28, 2015 at 13:55

        Ja, sie ist eine tolle Frau und wir haben neulich erst festgestellt, was für ein Glück haben, dass wir uns kennen. Wir passen aufeinander auf.

        • Mona Kuehlewind November 28, 2015 at 13:59

          Das ist schön! So ein Glück wünsche ich wirklich jedem Menschen 🙂

          • Ben Froehlich November 28, 2015 at 16:01

            Es ist Glück, aber das allein war es dann auch nicht. Wir haben jeder hart für diese Freundschaft kämpfen müssen. Das mag merkwürdig klingen und natürlich auch wenig aussagend, aber es gab so einige Momente, in denen wir uns hätten verlieren können, aber nicht aufgaben. Wir haben uns somit auch irgendwie verdient. 🙂

          • Mona Kuehlewind November 28, 2015 at 16:50

            Das ist aber wirklich eine schöne Story! Ich wünsche euch beiden alles Gute weiterhin 🙂

  • zentaure Dezember 1, 2015 at 18:03

    ich bin gerne klein ich mag mich so und ich habe innere größe klar ich komm nicht immer mit allem zurecht klar der mann vor mir da trau ich mich auch nicht immer aber
    ist das größe?
    ist nicht größe über den Dingen zu stehen sich selbst milde anzunehmen
    das gegenüber in liebe zu begegnen obwohl er vllt doof ist ??
    das augenmerk genau von dieser „doofheit'“ wegzulenken hin zum besonderen des gegenübers?
    Ich habe schon einige große menschen gesehen und sie kamen mir sehr klein vor
    mir sagte mal jemand denke große male groß . <3 (sorry für das schlechte grammatikalische Deutsch sowie die nicht so gelungene rechtschreibung)

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