Wie heißt der Ort, an dem ich mein Herz verloren habe?

Januar 24, 2016

Ist es nicht verrückt? Ist es nicht verrückt, dass wir lieben und verletzen oder selbst verletzt werden und trotzdem irgendwann wieder anfangen zu lieben, zu verletzten oder selbst verletzt zu werden? Ist es nicht verrückt, dass wir so viele Dinge zweimal, dreimal, viermal tun, obwohl sie beim ersten Mal schon so höllisch weh getan haben? Ist es nicht verrückt, welch verrücktes Volk wir sind?
Wir sprechen von Marsmännchen, Außerirdischen und grünen Aliens, die in andern Sphären schweben und wie Ungeheuer auf uns wirken. Doch ich frage mich, wer wir sind, wenn sie die ungeheuren Außerirdischen sind? Sind wir dann die Verrückten? Die ungeheueren Verrückten vom Planet Erde?
Die ungeheueren Verrückten, die lieben und verletzten, immer und immer wieder. Und mitten unter ihnen habe ich manchmal das Gefühl die ungeheuerste Verrückte aller Verrückten zu sein. Weil ich immer wieder liebe, liebe und liebe und immer wieder verletze, verletze und verletzte. Dich verletzte und mich verletze. Mir die Hand an Glassplittern aufschneide, mir den Kopf im Scherbenmeer aufschlage. Und mein Herz verliere. Irgendwo, an einem geheimen Ort, dessen Name ich jedes Mal vergesse.
Ich bin die ungeheuerste Verrückte, ich habe es im Blut. Ich habe es gesehen, als ich in der Stadt war. Gestern. Gestern Morgen. Und mein Herz wieder verloren habe, an einem Ort, dessen Name mir nicht mehr einfällt.

„He, was ist? Was glotzt du so?“ pöbelte mich ein Mann in der S-Bahn an. Verlegen schaute ich zur Seite um einen weiteren Angriff von ihm zu verhindern. Ich schätze ihn auf Mitte zwanzig, vielleicht auch Mitte dreißig. Seine Arme waren über und über mit Tattoos bedeckt, sein Gesicht geschmückt mit Piercings. „Nur noch drei Stationen Mona, nur noch drei Stationen.“, beruhigte ich mich. Die Luft war stickig, viel zu viele Menschen auf zu engem Raum. Ein Mann, der mir gegenüber saß, zündete eine Zigarette an, vielleicht auch einen Joint. „Mach sofort das Ding aus!“, klagte die alte Dame neben mir. Jetzt drehten sich auch andere Leute nach ihm um. Der Qualm der Zigarette füllte bereits die Luft, die ohnehin schon unerträglich war. Glücklicherweise war die Bahn nun an meiner Haltestelle angelangt. Kämpfend, mit beiden Armen ausgestreckt, suchte ich den Weg durch die Masse nach draußen. Unzählige Leute rempelte ich an, warf ihnen hin und wieder ein ‚Entschuldigen sie‘ über die Schulter. Als ich mich schließlich durch die Menschenmenge gewühlt hatte und sich die Türen der Bahn hinter mir schlossen hielt ich inne, sog den Geruch frischer Luft ein, besser gesagt den Geruch frischer Stadtluft, der sich aus Abgasen, Unrat, und Dreck zusammensetzte. Es war schon Ewigkeiten her, seitdem ich das letzte Mal in der Stadt war, ich konnte mich nicht einmal mehr daran erinnern. Der Backshop, direkt gegenüber der S-Bahn Station, der einst einer meiner Lieblingsläden war, stand mir nun wie ein Fremder gegenüber. Auch der Obdachlose, der damals vor dem Shop hauste, dem ich jedes Mal ein paar Euro in die Hand drückte, gehörte längst der Vergangenheit an. Er war weit und breit nicht mehr zu sehen. Mit der Kapuze weit ins Gesicht gezogen, überquerte ich die Schnellstraße und stolperte in Richtung Backshop. Mit meinen Händen schmierte ich an den Scheiben, die ganz beschlagen waren. Als ich mir ein kleines Loch freigemalt hatte, presste ich meine Nase fest an die Scheibe. Da erblickte ich sie, die Dame, die auch damals schon hinter dem Dresen stand und immer wusste was ich wollte, bevor ich auch nur ein Wort hatte sagen können. Sie war mir so lieb, wie eine Freundin. Die Ladentür klingelte als ich hineinstapfte. Hier drin war es warm, warm und gemütlich wie früher. Die Dame, meine alte Freundin hatte mich bereits im Visier. Ich schenkte ihr ein Lächeln, sie lächelte zurück. „Sie hat mich nicht vergessen.“, tobte es in mir. Langsam schlich ich zum Dresen hervor, ließ die unzähligen Gebäckstücke nicht aus den Augen. Als ich nun direkt davor stand, fiel mir zum ersten Mal auf wie sehr ich all dies vermisst hatte, wie sehr es mir gefehlt hatte, dieses ganze Ritual. Wie ich jeden Morgen vor der Schule in den Backshop ging, im Winter wie im Sommer, man erwarte mich jeden Morgen, grüßte mich wie eine Freundin, wusste immer was ich wollte, und verabschiedete sich jedes Mal mit einem ‚Bis morgen‘, als ich draußen war und die Tür hinter mir ins Schloss fiel, drehte ich mich immer noch einmal um und winkte, man winkte mir ebenfalls zurück. Und jetzt, nach vielen Monaten war ich wieder hier, stand vor dem Dresen und wartete darauf, dass die Dame mir mein Gebäckstück in die Tüte legte und es mir über den Dresen reichte. Doch nichts geschah. Sie betrachtete mich nicht einmal mehr. „Hallo.“, entgegnete ich ihr leise, fast traurig. „Guten Tag, was hättest du gerne?“, entgegnete sie mir. Ich schluckte. Sie wusste es nicht mehr. Wusste nicht mehr was ich wollte, nicht einmal mehr wer ich war. „Ehm nichts, ich glaube ich habe keinen Hunger.“, log ich sie finster an. „Okay, kein Problem.“, antwortete sie mir immer noch freundlich. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, zog ich meine Kapuze wieder weit ins Gesicht, drehte mich um und verließ den Backshop. Um nicht weinen zu müssen, schaute ich in die Leere, blendete für einen kurzen Moment alles aus. Ein Hund der mich mit seiner feuchten Nase an stupste holte mich zurück in die Realität. Erschrocken fuhr ich meine Hand zurück. „Hey, lass das.“, motzte ich ihn an. Jetzt setzte er sich vor mich, legte seinen Kopf zur Seite und ließ seinen Blick nicht von mir fallen. Seine Augen erinnerten mich an einen Hund, den ich schon einmal gesehen hatte. Ich überlegte. Ja genau, der Hund des Obdachlosen, den ich damals tagtäglich vor dem Backshop besuchte, hatte genau dieselben Augen. „Zufälle gibt’s.“, dachte ich mir. Ich strich dem Hund durch sein warmes, wuscheliges Fell. „Na, schnurrst du wieder, Emm?“, hörte ich eine tiefe Männerstimme hinter mir sagen. Ich drehte meinen Kopf um 90 Grad. Da stand er, direkt vor mir, mein alter Freund, der Obdachlose. „Hallo, das ist ja eine Überraschung.“, fiel ich ihm in die Arme. „Hey, hey nicht so stürmisch, junge Dame, du bist mir ein bisschen zu jung.“ „Aber, aber, ich dachte..“, und dann stockte ich. „Was dachtest du? Das ich Hilfe gebrauchen könnte? Hm, wenn du etwas für Emma zum Fressen hättest, könntest du mir einen großen Gefallen tun.“ Plötzlich wurde mir ganz warm. Ich wusste nicht, ob es Wut oder Scharm war. Wahrscheinlich beides. „Frag doch in dem scheiß Backshop nach!“, schrie ich ihn an. Als er seine Hand nach mir ausstreckte, wendete ich ihm bereits den Rücken zu und rannte die Straße entlang. Die Tränen liefen mir die Wangen herunter, hinterließen salzige Spuren auf meiner Haut, kullerten wie Regentropfen auf den kalten Asphalt. Keuchend rannte ich in eine Seitenstraße. Ich verlangsamte meinen Schritt, bis ich vor einem alten Gebäude stand, dass mir den Weg sperrte. Sackgasse. Das Gebäude war mir fremd. Ich hatte es noch nie gesehen. Es sah verlassen aus. Ich wischte eine Scheibe sauber, die ganz verstaubt war und warf einen Blick in den Raum. Der Raum war groß, riesig. Es gab einen gigantischen Spiegel, der fast die ganze Wand einnahm. In der Ecke stand eine kleine Couch, daneben eine vertrocknete Pflanze. Ansonsten schien der Raum leer zu sein. „Wenn ich doch nur einen Schlüssel hätte.“, ging es mir durch den Kopf. Ich schlich um das Gebäude herum, bis ich ein Loch in einer der Fenster fand. Ein Einbruch muss hier stattgefunden haben. Mit aller Kraft versuchte ich mich durch das Loch zu schmuggeln. Dabei schnitt ich mir meine rechte Hand an der Glasscheibe auf. Das tropfende Blut hinterließ Spuren auf dem staubigen Teppich, der sich in dem gesamten Raum ausbreitete. Der Raum war wunderschön und erinnerte mich an das Tanzstudio, was ich früher besuchte, bei dem er mich jeden Mittwoch abholte. Er war so stolz, dass er immer schon eine halbe Stunde vor Ende da war um mir beim Tanzen zuzusehen. Doch seitdem er mich verlassen hatte, wagte ich mich kein einziges Mal mehr ins Tanzstudio, fand keine Kraft mehr fürs Tanzen, überhaupt fehlte es mir an Kraft für alles. Doch als ich den Spiegel, hier in diesem Raum sah, schöpfte ich ein wenig Kraft. Vorsichtig hob ich meine Beine, winkelte meine Arme an und streckte meinen Hals weit aus. Langsam fing ich mich an zu bewegen, mich zu drehen. Meine Bewegungen wurden immer schneller, immer stärker. Mit geschlossenen Augen schwebte ich durch den Raum, blendete alles aus und vergaß die Zeit. Ich wusste nicht wie lange ich hier schon tanzte als ich urplötzlich bemerkte, dass du draußen an der Scheibe standest, durch das Loch lugtest, das ich zuvor freigewischt hatte. Ich hörte auf zu tanzen. Du hocktest immer noch da, deine grauen Augen waren starr auf mich gerichtet. Jetzt fingst du an zu lächeln, mit den Händen applaudiertest du. Langsam ging ich auf dich zu, zum Fenster. Deine Gestalt wurde immer deutlicher, immer mehr erkannte ich die Einzelheiten deiner Schönheit. Deine hellen Haare, die Sommersprossen auf deinen Armen, deine schmalen Lippen, die Narbe über deiner Augenbraue. Nun stand ich direkt vor dir. Das Applaudieren hattest du eingestellt, du wirktest nervös, unruhig. Das einzige was uns jetzt noch trennte war die Scheibe, und nur durch die Lücke waren wir für einander sichtbar. Mit meiner Hand fuhr ich an der Scheibe deine Lippen nach, dann streichelte ich an der Scheibe deine Schläfen. Vorsichtig drücktest du deine Hand an die Scheibe, ich tat dasselbe. Legte meine Hand auf deine, zwischendrin nur eine dünne Glasscheibe. Tief atmete ich die Luft ein, als würde ich dich noch einmal inhalieren. „Du fehlst mir.“, hauchte ich gegen die Scheibe, die jetzt beschlug und dich für einen winzigen Atemhauch von Zeit unsichtbar machten. Schnell löste ich mich von dem Fenster, deiner Hand, um die Scheibe wieder frei zu wischen. Als ich meine Hand wieder an deine heften wollte, war sie verschwunden. Auch du warst nichtmehr da, warst weg, einfach weg, als hättest du dich in Luft aufgelöst, als wärest du nur eine Illusion gewesen. Ich schlug gegen die Scheibe. Noch einmal. Sie zersprang und sie zerfiel in tausend Einzelheiten. Die unzähligen Scherben klirrten zu Boden. Der zweite Schlag tat höllisch weh. Blut triefte von meiner Hand. Meine Brust brannte, und wieder fing ich an zu weinen. Doch dieses Weinen war schlimmer, schlimmer als das Weinen vor ein paar Stunden. Denn du warst mir wichtiger, als alle anderen Menschen da draußen. Du warst alles für mich. Und jetzt hatte ich dich wieder verloren, du warst wieder fort. Ohne nachzudenken ließ ich mich zu Boden fallen. Mein Kopf schlug in die Scherben und ich merkte wie mein Atem sich verlangsamte. Noch mehrmals schnappte ich nach Luft, bis auch sie fort ging, fort ging mit dir.

Sag mir, wie heißt der Ort, an dem ich mein Herz verloren habe?

8 Comments

  • sternfluesterer Januar 24, 2016 at 21:45

    Ein unsagbar schöner Text.

    Ich weiß nicht wie viel Wahrheit von Dir oder über Dich darin steckt. Aber das ist auch gar nicht wichtig. Denn Du berührst durch die Art, wie Du ihn geschrieben hast, durch die Bilder, die in mir entstehen, während ich ihn lese.

    Ich frage mich auch oft nach den Spuren von Liebe, die ich im Leben hinterlasse. Sind es viele, sind es wenige? Wer vermag sie zu sehen, wer mag sie aufzunehmen, sich davon inspirieren zu lassen?

    Ich bin mir selbst nicht so wichtig, es kommt mir nicht auf meine Bedeutung an. Wichtig ist mir, Liebe zu geben. Auf diese oder jene Art. Aber Liebe.

    Ich kenne die Art des gefühls des verlassen Werdens, dass Du andeutest. Dem Menschen der mich verlässt, ist dieses Verlassen womöglich nicht einmal bewusst geworden. Weil die Begegnung mit ihm nur eine Flüchtigkeit war. Aber ich habe ihr Liebe geschenkt, schenken wollen. Deshalb tun mir so viele „verlassen Werden“ weh.

    Vielleicht ist meine Ahnung nicht richtig, aber ich ahne, dass es Dir mit dem Liebe schenken wollen und der Art des „verlassen Werden“ Fühlens ein bisschen so geht wie mir.

    Viele liebe Grüße an Dich, liebe Mona!

    • Mona Kuehlewind Januar 25, 2016 at 15:23

      Ich danke Dir sehr für deine Worte. Doch muss ich an dieser Stelle meine Begegnung in Schutz nehmen, denn sie war weder flüchtig noch hat er es nicht bemerkt. Sie war und ist eine lange Begegnung, die mir nie zu enden scheint. Aber das ist okay. Sie wird für mich immer existieren und soll es sogar. Allerdings im Hintergrund, in Gedanken und nicht mehr im Vordergrund.
      Er hat mich weder verlassen, noch habe ich ihn verlassen, wir sind immer noch zusammen, eben nur im Hintergrund, in unseren Gedanken.
      In meinem Vordergrund stehen jetzt ich und mein Leben. In seinem Vordergrund stehen jetzt er und sein Leben.
      Und das ist gut so. Weil es das beste für uns ist.

      Liebe Grüße,
      Mona

  • Anonymous Januar 25, 2016 at 9:45

    Danke für den herzergreifenden Text und die vielen Bilder, die mir beim Lesen sofort vor Augen erschienen sind. Hab Dich lieb, mach weiter so und irgendwann wird Dir Deine ganz persönliche große Liebe begegnen. Mama

  • die_zuzaly Januar 25, 2016 at 12:31

    liebe Mona – meine Emotionen sind mit mir durchgegangen – denn ich sehe und erkenne mich in manch Deiner Zeilen und Situationen wieder – Liebe heißt die große Macht – das dadurch entstandene Bild malt sich jeder selbst ins Gesicht –
    ich staune immer wieder Bauklötze – woher Du diese Geistesblitze jener wundersamen Erzählungen – nebst ergreifenden Texten herholst – ist erst einmal der Anfang zu einem Thema gefunden – sprudelt es nur so von gedachten und ausgesprochenen Worten – ich Poesiere selbst mit großem Erstaunen meiner daraus folgenden Ergebnisse – der Notizblock befindet sich stets in greifbarer Nähe – halte alle meine Erlebnisse und Gedankengänge fest – auch auf Zeitungsrändern – nehme kein stopp vor Klo-rollen-papier lol –
    lese gerne in Deinem Blog – weil hier der Wahnsinn dicht neben einem Genie steht –
    diese Erzählung hat mich emotional so sehr berührt – werde sie – mit Deiner Genehmigung auf G+ teilen

    • Mona Kuehlewind Januar 25, 2016 at 15:19

      „Weil hier der Wahnsinn dicht neben einem Genie steht“ – klingt total verrückt und ist wahrscheinlich das Verrückteste, aber auch mit das schönste Kompliment, was ich jemals auf meinem Blog gelesen habe!
      Ich danke Dir sehr und werde jetzt in mein Notizbuch schreiben „heute habe ich ein wunderschönes Kompliment von einer sehr lieben Leserin bekommen“.
      NOCHMAL DANKE!

  • Finchen Mai 2, 2016 at 20:24

    Einfach nur Wow, mir fehlen die Worte!!!

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