Wir können für immer glücklich sein

April 26, 2016

Letzte Woche hielt ich eine Präsentation in der Uni über das Bruttonationalglück in Bhutan.
Bhutan ist ein südasiatischer Kleinstaat, ein grüner Fleck auf der Erde und ein winziger Punkt auf der Weltkarte. Nichts Großes also. Doch scheinen sich die Medien um Bhutan zu reißen. „Hinter den Bergen bei den glücklichsten Menschen“, schreibt Spiegel Online. „Bhutan – Glück der Welt“, schreibt die Süddeutsche und die Berliner Zeitung erklärt in einem Artikel warum Bhutan arm aber glücklich ist. Und tatsächlich. Nach drei Stunden Recherche fand ich heraus, dass die Menschen in Bhutan anders sind als alle anderen Menschen. Einfach glücklicher. Bei weiterer Recherche stieß ich auf die Verfassung Bhutans. In Artikel 9, Absatz 1 heißt es: „Der Staat bemüht sich, jene Bedingungen zu fördern, die das Streben nach Bruttoinlandsglück ermöglichen.“ Bis dato war mir Bruttonationalglück unbekannt. Noch nie hatte ich von einem derartigen Begriff gehört. Ich stellte mir so etwas wie Glück zum„anfassen, mitnehmen und zum für immer behalten vor. Bruttonationalglück, klang für mich wie echtes, vollkommenes Glück für eine Nation. Auf der einen Seite mochte ich die Vorstellung von Glück zum anfassen, zum mitnehmen und für immer behalten dürfen. Aber auf der anderen Seite störte mich das Wort „Nation“ in Bruttonationalglück. Nation klang wieder so groß, so weit und irgendwie auch weit entfernt. Nation, das bedeutet für mich nicht du oder ich, Nation bedeutet für mich wir. Wir bedeutet zwar du, sie und ich, aber wir bedeutet auch immer wieder verlaufen, untergehen, verloren gehen in der Masse. Bruttonationalglück klang wie „Glück to Go“ für einen Großteil der Bevölkerung und wie ein leeres Versprechen für den Teil der in dem wir verloren geht.
Später las ich in einem Lexikon, dass Bruttonationalglück tatsächlich das Glück einer Nation bedeutet, gemessen anhand diversen Tests des Einzelnen. Die Bereitstellung der Bedingungen individuellen Glücklichseins stehe im Mittelpunkt staatlichen Handelns und versuche einen ganzheitlichen Bezugsrahmen zu schaffen.
Für mich war das alles schwer nachvollziehbar. Vielleicht, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass in Bhutan tatsächlich 77% bis 100% aller Einwohner extrem glücklich sind.
Für einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich zu den 77% bis 100% dazugehören würde, würde ich in Bhutan leben und stellte mir gleichzeitig die Frage, was die Menschen dort so glücklich macht. „Was ist das Bruttonationalglück, das „Glück to Go“?
„Eine gute Regierungsführung, eine nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft und Wirtschaft, die Bewahrung kulturelle Werte und der Schutz der Umwelt“, erklärte mir ein Artikel im Internet. 
Das klang für mich noch unverständlicher. „Ist das alles?“, „Ist das alles, was den Menschen glücklich macht?“, fragte ich mich und warf dem Bildschirm meines Laptops einen misstrauischen Blick zu, bevor ich ihn zuklappte und im Bett verschwand.
Am nächsten Morgen wollte ich herausfinden, was mich glücklich macht und ob es wirklich diese vier Faktoren sind. 
Ich holte Stift und Papier und kritzelte in dunkler Schnörkelschrift „Das macht mich glücklich“ als Überschrift auf ein weißes Blatt Papier.
Dann legte ich das Papier zur Seite und widmete mich meinem Morgenritual. Duschen, Zähneputzen, Haare frisieren und ein alltagstaugliches Make Up aufsetzen. Unter der Dusche summte ich eine Melodie, die ich vorher nicht kannte und schrie ab und zu ein „Oh happy day“ in den Raum. Nach der Dusche inklusive Gesangseinlage fühlte ich mich sichtlich wohl und schrieb gleich auf meine das-macht-mich-glücklich-Liste „eine heiße Dusche am Morgen“. Punkt zwei, den ich als Glück empfand, war der Kaffee und die Schüssel Müsli mit Beerentopping.
Im Laufe des Tages wurde die Liste immer länger. Manchmal strich ich etwas durch, um zwei Minuten später doch wieder zu merken, dass dieser Punkt mich irgendwie glücklich machte.
Kurz bevor ich am späten Abend ins Bett gehen wollte, nahm ich meine Liste unter die Lupe. 24 Dinge hatte ich im laufe des Tages gesammelt, die mich glücklich machten. Zugegeben, mir blieb irgendetwas im Hals hängen, als ich die Zahl las, mich im Spiegel betrachtete und meine heruntergezogenen Mundwinkel sah. Ich sah gar nicht glücklich aus. 
War die Liste eine Lüge? War die Tasse Kaffee von heute morgen und die Portion Spaghetti Bolognese in der Mittagspause nur Scheinglück?
Ich fühlte mich okay. Mein Magen grummelte ein bisschen und mein kleiner Zeh tat weh. Ich war ein bisschen traurig, weil ich seit mehreren Stunden auf den Anruf meiner Mutter wartete und war wie immer ein bisschen enttäuscht von mir selbst. Ich fühlte mich also okay. Aber glücklich war ich dennoch nicht.
Die nächsten Tage führte ich die Liste weiter. Und sie wurde nicht kürzer. Ganz im Gegenteil, sie wurde länger und länger. Doch jeden Abend, wenn ich die Liste betrachtete und laut Liste allen Grund haben müsste unendlich glücklich zu sein, war ich es nicht. Ich war keinen Abend glücklich.
Glücklich war ich nur, wenn ich mit der Zunge an der Kugel Eis schleckte, wenn ich in meinem neuen Kleid vor dem Spiegel posierte und mit dem Cabriolet über die Autobahn brauste. 
Glücklich war ich nur in Momenten. In Momenten, die so schnell verflogen wie Augenblicke. Wie ein winziger Atemhauch von Zeit.
Irgendwann fing ich an die Punkte auf meiner Liste mit einer Skala von eins bis zehn zu bewerten. Eins bedeutete, dass der Punkt mich am wenigsten glücklich machte. Eine zehn setzte ich hinter Punkte, die mich besonders glücklich machten.
Schokolade bekam eine acht. Eis eine sieben und mein neues Kleid eine neun. Der einzige Punkt, der eine zehn bekam, war die Sonne. 
Ein Sonnenstrahl musste mich nur unter der Nase kitzeln und schon verspürte ich Glück. Großes Glück. Doch meistens mit schnellem Ende. Wie immer.
Am Montag fing ich an Menschen zu beobachten. Ich beobachtete ihre Reaktionen auf Dinge, die auf meiner Liste standen und mich glücklich machten. Meiner lieben Kommilitonin Emilie schenkte ich einen Schokoladenriegel. Sie schien sich sehr zu freuen und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Ein eindeutiger Beweis, dass sie der Schokoladenriegel glücklich machte. Lukas schien der Schokoriegel ebenfalls gut zu bekommen. Er war die ganze Vorlesung gut gelaunt. 
In der Mittagspause gab ich meinem besten Freund ein Eis aus. Er durfte sich zwei Kugeln aussuchen, bedankte sich bei mir mit einem feuchten Kuss auf die Wange und schleckte sein Eis im nu weg. Er hüpfte so glücklich über die Straße wie ein kleines Kind. 
Einer obdachlosen alten Dame, die immer unten am Bahnhof sitzt, kurz bevor man nach rechts abbiegt um die Rolltreppe zu den Gleisen zu nehmen, schenkte ich eine kleines Holkstkistchen mit frischen Erdbeeren. Sie sah so glücklich aus. 
Als die Vorlesung vorbei war, Emilie ihren Riegel aufgegessen hatte und sie mit Lukas den Hörsaal verließ, hörte ich wie Emilie stöhnte „Ich bin froh, wenn der Tag vorbei ist“. Im Schatten von Lukas sah ich, wie er ihr mit dem Kopf nickend zustimmte. 
Auch mein bester Freund verlangsamte seinen Schritt und schlich irgendwann nur noch mit gesenktem Kopf neben mir her, als er sein Eis verputzt hatte. 
Als ich am späten Abend die Uni verließ, runter zum Bahnhof eilte, rechts um die Ecke bog, sah ich die alte Dame, wie sie schluchzte und die Passanten nach einer kleinen Spende bat. 
Obwohl all das absehbar war, obwohl ich wusste, dass Glück nur ein Moment ist, tat es weh zu sehen, wie unglücklich die Menschen sind, obwohl sie doch vor wenigen Stunden einen Schokoriegel, ein Eis oder eine Kiste Erdbeeren bekommen hatten.
Ich hielt fest, dass Menschen niemals für immer glücklich sein können und schlief ein.
Erst als ich heute vormittag die Noten meiner Präsentation über Bhutan bekam, fiel mir wieder ein, warum ich diesen „Glücks Versuch“ überhaupt gemacht habe. 
Ich wollte testen, was mich glücklich macht, ich wollte beweisen, dass es nicht nur
„eine gute Regierungsführung“, „eine nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft und Wirtschaft“, „die Bewahrung kulturelle Werte“ und „der Schutz der Umwelt“ sein können. Ich wollte beweisen, dass Menschen mehr brauchen, als diese vier Faktoren. Aber alles was ich beweisen konnte war, dass die Menschen nicht für immer glücklich sein können. 
Ich recherchierte bis eben noch ein bisschen über Bhutan und seine ach so glücklichen Einwohner. Ich sah mir viele Videos an, in denen Menschen strahlten und verdammt glücklich aussahen. Die meisten Menschen sahen sehr arm aus. Sie hausten in Bäumen und an Straßenrändern. Ihr Bett war ein Baumstamm und ihr Teller ein grünes Blatt. Diese Menschen sahen so arm, aber so glücklich aus.
Und dann fielen Wörter wie Glaube, Hoffnung und Liebe. Manche Sprachen von Leben und Familie und strahlten, als hätte die Sonne geschienen, dabei regnete es im Hintergrund. 
Ich begann zu realisieren, dass hinter den vier Faktoren mehr steckte. Ich verstand plötzlich was „eine gute Regierungsführung“, „eine nachhaltige Entwicklung“, „eine Bewahrung der Werte“ und „Schutz“ bedeutet. Führung, Entwicklung, Bewahrung und Schutz bedeuteten: Glaube, Hoffnung, Liebe.
Glaube an den König und an das Volk, Glaube an sich selbst. Hoffnung auf ein besseres Morgen und ein noch besseres Übermorgen. Liebe an den König, an das Volk und an sich selbst.
Glaube, Hoffnung, Liebe. Diese drei Faktoren lassen die Menschen in Bhutan für immer glücklich sein. 
Und deshalb. Verdammt. Wartet nicht auf Morgen. Hört auf zu warten, bis man euch ein Eis kauft, einen Schokoriegel schenkt oder eine Kiste Erdbeeren unter die Nase reibt.
Wartet nicht, bis die Sonne scheint und ihre Strahlen euch wärmen. Sie scheint doch nur so selten.
Fangt an zu glauben, zu hoffen und zu lieben. 
Wir könnten dann alle so glücklich sein. So glücklich wie die Menschen in Bhutan. 
Das wäre doch großartig. Findest du nicht auch?

1 Comment

  • Werner Kastens Mai 5, 2016 at 18:04

    Glück ist wie wenn man eine Glühbirne ist,
    die gerade eingeschaltet wird,
    und vor Freude leuchtet.

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