Wie viel zählt die Seele eines Menschen?

April 13, 2016

Ich finde rosafarbene Tulpen besonders schön. Ich finde den Herbst schön, den Frühling auch. Ich finde bunte Felder und dunkle Wälder schön. Ich finde den blauen Himmel mit Schäfchenwolken und das schwarze Himmelszelt mit der Milchstraße und dem großen Wagen schön. Ich finde die Nordsee und die Alpen schön. Ich finde Posen im Osten und Paris im Westen schön. Ich finde Gegensätze schön, weil sie sich anziehen und zusammen immer etwas Ganzes ergeben.
Ich finde aber auch lange Kleider und hohe Schuhe schön. Ich finde Perlenketten und rote Lippen schön. Und ich finde Männer schön. Männer mit kurzem Haar und dunklen Augen. Ich finde Männer schön, die so groß und stark sind. Ich finde Männer schön, die erwachsen sind, mit denen ich mich unterhalten und philosophieren kann. Ich finde Männer wie Papa schön.
Leni findet Männer mit blauen Augen und blondem Haar schön. Leni hat mir verraten, dass sie Männer mit vielen Muskeln schön findet. Leni findet außerdem rote Rosen und Wien schön.
Ella findet Männer mit dunklen Teint, langen Haaren und braunen Augen schön. Ella findet die künstlichen Blumen von Ikea und die pralle Sonne schön. Natürlich findet Ella die Türkei oder Spanien am Schönsten.
Eigentlich ist das gut so. Gut so, dass Ella die Männer mit langen Haaren mag und Leni die Männer mit den kurzen hellen Haaren. So kommen sie sich wenigstens nicht in die Quere.
Aber manchmal macht es mich schon ein bisschen traurig, wenn Ella wieder über Leon herzieht, der ihr schon etliche Liebesbriefe geschrieben hat. Leon hat leider lange helle Haare mit einem Orangestich. Manchmal würde ich Leon dann am liebsten in den Arm nehmen und ihm sagen, dass er schön aussieht, aber das kann ich leider nicht. Ich finde doch kurze Haare schön. Und ich kann Leon nicht anlügen.
Irgendwie ist keiner da, der mal zu Leon rübergehen kann. Keiner da, der ihn mal in den Arm nehmen kann und ihm sagen kann, dass er schön aussieht.
Es scheinen nicht viele Menschen lange Haare mit einem Orangestich schön zu finden, leider.
Ich habe es echt schon oft probiert. Ich habe echt schon oft probiert mal zu ihm zu gehen, aber dann kam immer was dazwischen – meistens war ich es selbst. Aber ich kaufe doch auch keine Zartbitterschokolade, wenn ich ausschließlich weiße Schokolade esse, oder? Und das mit dem kaufen, dass ist doch dasselbe wie mit dem schön finden, oder?
Wir tun doch immer nur das, was uns gefällt und alles andere tun wir nicht.
Was sind wir eigentlich für ein Volk? Ein egoistischer Haufen von Menschen. Sorry.
Aber was mich beruhigt, ist, dass Leon ja auch nur Liebesbriefe an Ella schreibt und nie an ein anderes Mädchen. Ich kenne seine Briefe. Ella ist meine beste Freundin. In jedem Brief schreibt Leon, dass er Ella’s blonde Engelslocken so schön findet. Und niemand anderes hat solche Engelslocken wie Ella. Leni trägt eine Kurzhaarfrisur und ich habe langweilig glatte braune Haare. Eigentlich tut doch Leon auch nur das, was ihm gefällt. Eigentlich ist Leon doch genauso ein Egoist, der nur Ella schreibt, weil sie die einzige mit blonde Engelslocken ist, die er so schön findet.
Manchmal frage ich mich, ob denn die Seele eines Menschen gar nicht mehr zählt? Achtet überhaupt noch jemand darauf, ob ich lächele oder nicht? Hört überhaupt noch jemand, wenn ich schreie? Sieht überhaupt noch jemand wenn mir eine Träne die Wange hinunter kullert? Schmeckt überhaupt noch jemand das Salz in der Suppe und riecht überhaupt noch jemand mein Parfum von Chanel?
Und wenn die Seele vielleicht doch zählt, dann könnte meine Seele Ellas Engelshaar möglicherweise wettmachen und Leon könnte sich in mich verlieben. Vielleicht würde das ja alle Seelen trösten.
Ich habe es ausprobiert. Ich habe mein Parfum gewechselt und einen Tag lang die Mundwinkel heruntergezogen. Ich habe kaum noch geredet und mir in unauffälligen Momenten, die Augen wund gerieben, damit es so aussieht, als hätte ich geweint. 
Einen Tag lang habe ich mich verhalten, als würde es mir nicht gut gehen, als würde mich etwas bedrücken oder sogar zerdrücken. Ich saß in der U-Bahn, wühlte in einem Kaufhaus zwischen Kleiderständern und Schuhregalen, ich saß drei Stunden in der Uni und glotze den Professor an, ich ging zum Bäcker, saß eine Stunde in einem Kaffee, in dem Menschen ein und ausgingen, ich erledigte die Einkäufe, drängelte mich durch die Menschenmassen auf der Straße und saß bei einem Meeting direkt neben dem Chef. Aber niemand, niemand hat mich gefragt, was mich bedrückt. Nichtmal wurde ich gefragt, wie es mir geht. Das einzige was man mich fragt: „Wo hast du dein schönes Kleid gekauft?“
Als ich abends im Bett lag, ging es mir dann wirklich schlecht. Denn meine Vermutung hatte sich bestätigt. Und ich konnte die Frage mit der Seele des Menschen und deren Wert mit einem klaren „zählt nicht“ beantworten. Leon würde sich niemals in mich verlieben. Und ich mich niemals in ihn.
Das tat schon weh.
Aber irgendwie habe ich es dann akzeptiert und ein anderer Gedanke hat mir dann plötzlich weh getan.
Ich konnte die Nacht nicht schlafen und habe dem Fernseher angeschaltet. Normalerweise tue ich das nie, doch an diesem Abend war mir danach. Ich sah mir eine Reportage an. Eine Reportage über Schönheitsideale und über die Frage „Was ist schön?“.
In der Reportage lernte ich eine Frau kennen. Sie hieß Kristin. Kristin war 24 Jahre alt und bereits das zweite Mal schwanger. Als ich Kristin das erste Mal im Fernseher mit einer Tüte Gummibärchen durch den Park laufen, sah, fand ich sie nicht schön. Sie hatte eindeutig Übergewicht, ihr Haar hatte Spliss und der Nagellack an ihren Fingernägeln blätterte bereits ab. Ich war mir sicher, dass in diesem Moment, als Kristin da so mit ihrer Tüte Gummibären langspazierte, einige Zuschauer das Programm wechselten oder den Fernseher ganz ausschalteten.
Kristina war eben nicht das, was man auf jedem zweiten Poster sieht. Kristin war auch nicht das, was auf den ganzen Illustrierten als Cover Model posiert. Kristin war nicht das, was man als Testimonial im Fernseh sieht oder bei „Wer wird Millionär“ die 500€ Frage beantworten, denn auf den Stuhl würde Kristin wahrscheinlich gar nicht drauf passen.
Ich wollte auch den Fernseher ausstellen, aber in dem Moment war ich einfach zu müde zur Fernbedienung zu greifen und den roten kleinen Knopf zu drücken. Also sah ich mir die Reportage weiter an und lernte Kristin immer besser kennen.
Kristin hatte einen großen Sinn für Humor und zu jeder Situation viel ihr ein passender Spruch ein, der die Menschen in ihrer Umgebung, und manchmal sogar mich, zum lachen brachte. Kristin war kein stilles Mäuschen und kein bisschen auf den Mund gefallen. Sie war ebenso Wortlaut wie selbstbewusst, lachte viel und weinte wenig. Kristin war weit entfernt von Depression oder Burn-Out. Sie war Vollzeitmama und Vollblut Köchin und alles was sie tat, tat sie gern. Schön fand sie ihre Kinder und sich selber. Kristins Seele war schön. Mit ihr hätte sie tausend Preise gewinnen können.
Aber die Seele sah niemand. Wahrscheinlich sah sie nichtmal das Kamerateam so schön wie ich.
In den letzten 30 Minuten wandelte sich die Reportage. Kristin wurde mehr und mehr in Situationen gezeigt, in denen sie den Tränen nahe stand. Sie rief oft ihre Mutter an um nach Rat zu fragen und besuchte irgendwann regelmäßig eine Freundin, mit der sie stundenlange Gespräche führte.
Krisitin war eine starke Frau, doch sie hatte ein großes Problem. Es waren wir. Du, ich und die anderen.Wir, die Gesellschaft, war ihr Problem.
Krisitn ist stark, aber die Gesellschaft ist stärker, das wusste auch Kristin. Kristin hat immer gekämpft, immer wenn es drauf ankam, wenn das Jugendamt ihre Kinder wegnehmen wollte, als man ihr Auto abschleppen wollte, als man ihr mit Schlägen drohte und die Polizei auf den Hals hetzen wollte, kämpfte Kristin immer wie ein Bär. Aber gegen die Gesellschaft kam sie nicht an. „Die sind so stark, das kann man sich gar nicht vorstellen“, erinnere ich mich an ihre Worte. Und ja, sie hat recht. Wir sind so viele Menschen. Überall auf der Welt verstreut. Und überall wo es Menschen gibt, gibt es Meinungen, entstehen Vorstellungen, Bilder und Ideale. So auch das Schönheitsideal. Und genau gegen das kommt Kristin nicht an.
Wenn sie durch die Straßen geht, dann spürt sie, wie sie die Blicke auf sich zieht. Dann spürt sie, wie sich die Menschen nach ihr umdrehen und kichern. Sie spürt die Zeigefinder, die auf sie deuten und sieht die Menschen lachen. Lachen über sie.
Krisitin weiß, dass sie nicht dem Schönheitsideal entspricht, dass wir hier in Deutschland pflegen. Sie weiß, dass man beispielsweise in Kolumbien Frauen wie sie vergöttert. Sie weiß, dass ihr dort die Männer hinterherlaufen würden. Aber Kristin kann hier nicht weg. Sie ist hoch schwanger und der Vater ihrer Kinder, der beide Male nur ein One Night Stand war, wohnt in Deutschland und hat einen Teil des Sorgerechts.
Krisitns größter Wunsch ist es eine Talkshow zu moderieren. Sie ist ausgebildete Journalistin und am Ende ihrer Ausbildung wurde ihr auch eine Karriere als Moderatorin versprochen, doch danach nahm Kristin viele Kilos zu und man zog das Angebt zurück.
Heute hat sie Deutschland keine Chance mehr. Weder als Moderatorin noch als Frau, über die die Leute nicht lachen. Kristin sparrt jeden Monat für ihre Auswanderung nach Kolumbien. Denn wenn ihre Kinder 18 Jahre alt sind, will sie nochmal neu anfangen, in einem Land, in der man auch sie schön findet.
Ich habe so lange über die Reportage nachdenken müssen, dass ich die ganze Nacht kein Auge zubekommen habe und auch heute denke ich noch sehr oft an Krisitin, an Deutschland, an unsere Gesellschaft und das Schönheitsideal.
Und mittlerweile ist mir auch bewusst geworden, warum Ella immer über Leon herzieht und ich mich nie traue ihn in den Arm zu nehmen. Mir ist jetzt bewusst, dass es die Gesellschaft ist, die uns davon abhält solche Dinge zu tun. Würde Ella Leon antworten, würden alle Ella für bescheuert halten, sie müsste sich Sprüche und Gelächter anhören. Und würde ich Leon in den Arm nehmen, dann würde mich die Gesellschaft für verliebt halten, verliebt in den Jungen, den niemand schön findet.
Und jetzt, wo mir das alles so bewusst ist, jetzt wo ich weiß, dass wir es sind, die Gesellschaft, die Millionen von Menschen das Leben so schwer macht, das wir dafür verantwortlich sind, dass Menschen nicht ihre Träume verwirklichen können und ihr Leben so leben können, wie sie es gerne möchten, jetzt möchte ich auch hier weg. Aber ich weiß gar nicht wohin, denn die Gesellschaft ist überall und ich bleibe für immer ein Teil von ihr. Ein winziger Teil der Gesellschaft. Im ewigen Kreis.

2 Comments

  • mannigfaltiges April 13, 2016 at 21:28

    Wir alle: „Ein egoistischer Haufen von Menschen“.

    • soulsandstones April 14, 2016 at 9:00

      Es sind ebenso Seelen, die diese Gesellschaft formen und ihren Fortbestand anrühren. Es sind Seelen, die sich von ihrer Natur abwenden, um ein System zu errichten, das sich um jeden Preis daran halten will, etwas dauerhaftes zu schaffen. Unvergänglich, unbesiegbar, unvergesslich, ewig.

      Diese Seelen kreieren neue Seelen, und ziehen sie heran, in diesem unnatürlichen Muster zu bleiben, um unsterblich zu sein. Menschen wollen den Tod in ihrem Leben nicht akzeptieren. Das ist der wichtigste Grund, warum wir da sind, wo wir sind, warum unsere Gesellschaft diese Dimension angenommen hat.
      Unser natürliches Verhalten, menschliches, das wirkt nach in unseren Köpfen. Wir projizieren es in die Konsumwelt, und so werden Arterhaltung und Sterben, die einzigen beiden Daseinsgarantien auf dieser Erde, zu einem so riesigen Wirtschaftssystem.

      Und in diesem Wirtschaftssystem, das an Größe einem Imperium gleicht, sind Seelen nicht unsichtbar, es gibt schlicht und einfach nicht mehr viele, die (wirklich) hinsehen. Doch ist es verwerflich, nicht jede Seele zu studieren, weil es mittlerweile einfach unnatürlich viele davon gibt? Wir selektieren, automatisch. Es würde mir persönlich das Herz zerreißen, wenn ich jeden Menschen, der mir in der S-Bahn begegnet, studiere. Trotzdem urteile ich nicht. Meistens nicht. Erst dann, wenn es mir selbst nicht gut geht.

      Was dein kleines Experiment angeht, so sind wahrscheinlich schon viele daran gebrochen. Lache und man lacht mit dir, weine und du weinst allein. Die meisten nehmen sich der Probleme anderer Seelen nicht an, weil sie selbst unglücklich sind, weil die Kapazitäten ihrer eigenen Seele erschöpft sind. Doch das bedeutet nicht, dass sie schlecht sind. Auch sie haben Mitleid verdient.

      Nur wenn du selbst Frieden hast, kannst du Frieden schenken, du kannst einer der Milliarden Teile dieser Gesellschaft sein, die sich in ihr bewegen, die sie jedoch nicht prägen. Das ist gar nicht so leicht, aber wunderschön und bereichernd.

      Die Seele zählt in der Gesamtheit nichts, im Einzelnen jedoch alles. So hat deine Seele mit diesen Worten viele zum Nachdenken angeregt, vielleicht auf einen neuen Weg gebracht, vielleicht ein Lächeln gewonnen. Meines in jedem Fall. Danke dafür.

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